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Intuitives Essen: Wie du lernst, deinem Körper wieder zu vertrauen

Zurück zum Intuitiven Essen

Heute möchte ich mal auf ein Thema eingehen, das mich eigentlich schon mein ganzes Leben lang beschäftigt: Essen. Und im Zusammenhang damit natürlich auch: Gewicht, Aussehen, Attraktivität, Schönheit. Heutzutage wird die Debatte darüber mit Kampfworten wie Body Shaming oder Binge Eating geführt – ständig wird darüber diskutiert. Und das Aussehen ist so wichtig wie noch nie.

Der Hintergrund

In unserer modernen Gesellschaft haben wir den ständige Drang alles kontrollieren zu wollen. Alles muss getrackt, aufgeschrieben, in Todo-Listen organisiert werden. Es liegt auch auf der Hand wieso das nötig ist: Wir sind einer andauernden Reizüberflutung ausgesetzt – 24 Stunden am Tag.

So kann die Kontrolle in vielen Bereichen hilfreich sein, aber gerade wenn es um die Ernährung und den eigenen Körper geht, neigen wir inzwischen dazu, maßlos zu übertreiben.

Fitness und Ernährung sind zu einer neuen Religion geworden. Was – und vor allem wie – man isst, hat einen extrem hohen Stellenwert in der Gesellschaft eingenommen. Außerdem will man ja auch im Trend liegen! Diese Woche mach ich Low-Carb, nächste Woche eine Raw Vegan Diet, danach Paleo und so weiter…

Ich bin inzwischen so weit, das mir klar ist: Das kann nicht gesund sein. Wie ich an diesen Punkt gelangt bin, möchte ich dir erzählen und hoffe, dass du etwas daraus für sich mitnehmen kannst.

Meine Geschichte

Vor ca. vier Jahren habe ich mein Glück selbst in die Hand genommen und angefangen das erste Mal in meinem Leben eine Diät zu machen. Ich ging drei Mal pro Woche Joggen und stellte meine Ernährung um – ab 17 Uhr habe ich nichts mehr gegessen. Und, was soll ich sagen, die Pfunde purzelten nur so – zum ersten Mal in meinem Leben. Es funktionierte! Ich war völlig aus dem Häuschen und extrem motiviert. Immer wieder bekam ich zu hören: “Wow, so diszipliniert wie du wäre ich auch gerne.” oder “Wahnsinn, dass du das so durchziehst!”.

Bevor ich angefangen hatte, wog ich ungefähr 75 kg. Schon den Großteil meines Lebens hatte ich Probleme mit meinem Gewicht und meinem Aussehen. Vor der Scheidung meiner Eltern, war ich ein ganz normales Mädchen – ich wog nicht zu viel und nicht zu wenig. Danach allerdings sammelten sich einige Kilos an. Ich war nicht wirklich dick, ich war moppelig, als ich in die fünfte Klasse kam. Aber das reichte, um regelmäßig gemobbt zu werden.

Glücklicherweise hatte ich tolle Freundinnen, die mir immer und zu jeder Zeit zur Seite standen. Ich kämpfte quasi nicht alleine und das baute mich wirklich sehr auf. In dieser Zeit wurde mir auch klar, dass wenn ich nicht zu den Mädels gehöre, die gut aussehen, dann gehör ich halt zu den Mädels die cool drauf sind und was im Köpfchen haben. Irgendwie habe ich meinen Platz gefunden und war auch zufrieden damit.

Allerdings änderte das nichts daran, dass ich mich in meinem Körper nicht wohl fühlte und auch mein Essverhalten besserte sich nicht. Rückblickend betrachtet hatte ich dann gegen Ende meines Realschulabschlusses eine normale Figur, nahm aber zu, als ich mit meinem ersten Freund zusammen kam.

Ein paar Jahre später, als ich mit dem Studium anfing, hatte ich wieder einige Kilos zu viel drauf und fühlte mich sehr unwohl. Lustigerweise hatte sich aber an meiner Selbstwahrnehmung in all den Jahren absolut nichts verändert. Ich hatte mich immer als die Dicke gesehen und damit lebte ich halt.

Irgendwann beschloss ich dann mit Hilfe meiner besten Freundin abzunehmen. Mein Ziel waren 60 kg. Das erschien mir ein gutes Zielgewicht bei meiner Größe von 1,68m. Relativ schnell verlor ich die ersten fünf Kilos und auch die Marke von 65 Kilos erreichte ich noch recht flüssig. Dann allerdings war es auf einmal als wolle mein Körper mir sagen – Nö, bis hierhin und nicht weiter. Ich kam einfach nicht mehr vom Fleck. Und das war der Punkt an dem es ungesund wurde.

Ich wollte um jeden Preis mein Wunschgewicht erreichen und versuchte noch mehr Sport zu machen. Alles half nichts. Ich war frustriert und verfiel dem Binge Eating. Durch die Restriktion, dass ich ab 17 Uhr nichts mehr essen durfte, hatte ich auch schon vorher damit angefangen. Regelmäßig fuhr ich mir um 16 Uhr 2 große Teller Nudeln rein.

Irgendwann kam dann fast jeden Tag eine Tafel Schokolade hinzu. Die geballte Süße merkte ich irgendwann sogar an meinen Zähnen – sie wurden schmerzempfindlicher.

Irgendwann realisierte ich, dass das nicht der Way-to-go ist und ich meinem Körper offensicht nichts Gutes tue. Also ging ich dazu über meine Kalorien zu zählen. Ich konnte abends wieder essen, auch Schokolade in Maßen, ich musste nur auf meine Gesamtzahl an Kalorien achten – easy.

Einigermaßen regelmäßig zu essen und auch mal das worauf ich Lust hatte, gefiel mir schon besser. Mir ging es auch besser. Und ich fing wieder an abzunehmen – zumindest für eine kurze Zeit. Dann hatte mein Körper sich an die wenigen Kalorien gewöhnt. Ich musste also wieder an den Schrauben drehen.

Ich fing an mehr Sport zu machen. Vier Mal die Woche lief ich 7,5 km und machte zusätzlich noch ein bis zwei Mal Workouts zu Hause. Ich fühlte mich schlapp, hatte kaum Energie. Gleichzeitig bemerkte ich, dass sich jeder Apfel zu viel, direkt auf meinen Hüften abzeichnete. Ich war in einen Teufelskreis geraten!

Irgendwann beschloss ich, dass die zeitliche und kalorisch starke Einschränkung des Essens mich nicht weiterbringt. Selbst wenn – ich könnte das nicht mein ganzes Leben lang durchhalten.

Nach diesem Entschluss folgte ich noch ein, zwei anderen Diäten, die aber ausgewogener waren und eher eine “gesunde” und nachhaltige Ernährungsumstellung suggerierten. Gleichzeitig machte ich eine moderate Menge Sport und fühlte mich gut. Ich hielt mein Gewicht, was mich zwar nervte, aber in Ordnung war.

Und dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich das Buch “Intuitiv Eating” entdeckte.

Intuitives Essen lernen

Ich nenne hier explizit den englischen Titel, da ich den deutschen unpassende finde, da er suggeriert, dass es sich dabei wieder um eine Diät handelt – “Intuitiv abnehmen”. Da es aber nicht ums Abnehmen, sondern ums Essen an sich geht, bevorzuge ich den englischen Titel.

Plötzlich war mir vieles klar und ich verstand, warum Diäten nicht funktionieren können. Dabei spielen sowohl physische als auch psychische Aspekte eine entscheidende Rolle. “Intuitiv Eating”, geschrieben von zwei Ernährungsberaterinnen, erklärt, warum dein eigener Körper es am besten weiß. Und wie du wieder lernst auf ihn zu hören.

Das Prinzip ist – sehr vereinfacht gesagt – folgendes: Zuerst musst du sich von allen Einschränkungen lossagen und lernen die Signale deiner Körpers wieder wahrzunehmen. Erst, wenn du das in Gänze geschafft hast, solltest du sich darum kümmern, wie du dich gesünder ernähren könntest. Falls das dann überhaupt noch notwendig ist. Falls doch, dann triffst du die Entscheidungen allein darauf, was dein Körper dir sagt und nicht Heidi Klum.

Wie sah das bei mir aus?

Ich habe sehr lange gebraucht, bis ich den ersten Schritt bewältigt hatte. Das ist aber auch der wichtigste, deshalb wollte ich mir Zeit geben und mich nicht ablenken lassen. Jeder hat da sein eigenes Tempo, das auch davon abhängt, wie lange man schon Diäten oder ähnliches macht. In Anbetracht dessen, dass ich schon seit meinem zehnten Lebensjahr ein gestörtes Essverhalten hatte, waren die 2 ½ Jahre, die ich gebraucht habe, denke ich angemessen.

Als ich damit anfing, alles zu Essen worauf ich Lust hatte, nahm ich logischerweise erstmal zu. Das sah ich aber nur im Spiegel, dann seitdem habe ich mich nicht mehr auf die Waage gestellt. Das man zunimmt ist aber normal und muss akzeptiert werden. In der Regel kommst du nämlich gerade aus einer Diät und dein Körper ist im Sparmodus. Als ich das machte, wurde ich mir auch bewusst, dass ich nicht merkte wann ich Hunger hatte und wann ich satt war. Diese Signale nahm ich immer erst viel zu spät war, wenn ich schon richtigen Heißhunger hatte oder eben viel zu viel gegessen hatte (beides klassisches Binge Eating).

Das änderte sich langsam, aber stetig. Was das Buch außerdem rät, ist genau zu analysieren auf was man Hunger hat. Auch das fiel mir am Anfang sehr schwer und nicht selten wählte ich Pizza statt eines Salat. Aber mit der Zeit merkte ich wenn ich Lust auf etwas fettiges, etwas salziges, etwas süßes, etwas erfrischendes, etwas deftiges oder etwas fruchtiges hatte.

Und das waren schließlich die Signale meines Körpers.

Wenn ich lange nichts gegessen hatte, wusste ich, würde ich Lust auf etwas sehr fettiges oder Kalorienreiches bekommen, weil mein Körper Energie brauchte, die ich ihm zu lange verwehrt hatte. Genauso merkte ich aber auch, wenn ich morgens ein großes Frühstück mit Brötchen und dergleichen hatte, das mir Mittags eher nach einem Salat war. Manchmal habe ich abends keine Lust mehr etwas zu trinken, weil ich über den Tag schon viele Kohlenhydrate in Form von Obst oder Süßigkeiten zu mir genommen habe. Mein Körper sorgt als Ausgleich dafür, dass mir das Kohlenhydratreiche Bier nicht schmeckt.

Ich weiß, das mag wirklich komisch klingen, aber es ist so. Auch ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich meinem Körper so sehr vertrauen kann. Schließlich hatte ich immer einen Kampf gegen ihn geführt. Dabei war er die ganze Zeit auf meiner Seite und ich blöde Kuh hab ihn einfach nicht verstanden!

Gesund leben und sich gesund fühlen

Heute bin ich in der Phase, in der ich wieder mehr auf meine Gesundheit achte und auch wieder Sport mache. Ich hatte die 2 ½ Jahre fast gar keinen Sport gemacht, weil ich noch so sehr in der Diätmentalität gefangen war, dass ich Angst hatte, rückfällig zu werden. Auch das ist ein sehr wichtiger Punkt: Loslassen der Diätmentalität!

Ich war einfach an dem Punkt, an dem ich Lust hatte mich zu bewegen und mich dadurch gut fühlen wollte. Ich kann jetzt in einem angemessenen Maße Sport machen und mich danach darüber freuen, dass ich mich wacher und energetischer fühle. Gleichzeitig habe ich auch wieder die Kraft, Sport zu machen und auch mal wirklich alles zu geben, denn ich Esse genug.

Das Leben macht wieder Spaß und ich kann es mit allen Sinnen genießen!

Aber das wichtigste überhaupt: Ich fühle mich schön. Ich will dir da nichts vormachen, auch das ist ein Kampf, aber alles in allem bin ich sehr zufrieden mit mir. Und das Beste daran ist: Ich muss diesen Kampf nicht mehr alleine führen.

Mein Körper ist jetzt auf meiner Seite.

Und wenn er sich wohl, stark und energetisch fühlt, dann kann man sich viel leichter eingestehen: Ja ich bin gesund und ich bin wunderschön!

– Sarah

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Kategorie: Gedanken

von

Hi, ich bin Sarah. Ich mag gutes Essen, meinen kleinen Kräutergarten, Eulen und minimalistisches Design. Auf meinem Blog schreibe ich über Minimalismus und Zero Waste und gebe Tipps wie man Müll vermeiden und seinen Konsum nachhaltiger gestalten kann.

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