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Warum mich Feminismus manchmal wahnsinnig macht

Warum mich Feminismus manchmal wahnsinnig macht

Das hier wird ein sehr kritischer Post und ich rechne vorneweg schon damit, dass sich jemand über irgendwas aufregen wird. Aber das ist mir erstmal egal. Ich möchte trotzdem darüber schreiben wieso mich Feminismus manchmal aufregt und warum das so ist.

Selbst wenn du mit Dingen, die ich hier äußere nicht einverstanden bist, bitte, bitte, renn nicht gleich los und werden beleidigend. Äußere dich in einem angemessenen Ton und lass uns darüber reden. Aus Erfahrung weiß ich: Gesagt ist noch lange nicht verstanden 🙂 .

Was mich grundsätzlich aufregt

Ein paar Punkte dazu vorneweg: Ich bin natürlich für Gleichberechtigung von Mann und Frau. Vom Gesetz her haben wir diese in Deutschland auch, genauso wie in vielen Ländern der westlichen Welt.

Ich werde außerdem in diesem Beitrag über “Männer” und “Frauen” sprechen. Das soll keine Verallgemeinerung darstellen, sondern dient lediglich der einfachen Erklärung meiner Beobachtungen und Erfahrungen. Wenn du also ein netter Kerl bist, der solche Dinge nicht machen würde (was wahrscheinlich ist, denn du liest das hier und die guten Kerle sind zum Glück stark in der Überzahl), dann fühl dich auch nicht angesprochen oder sogar angegriffen. Du hast keinen Grund dazu.

Ist Sexismus immer noch allgegenwärtig in der Arbeitswelt? Wenn ich meinen eigenen Erfahrungen und denen von Freundinnen trauen darf, dann ja. Sollten noch weiter Debatten darüber angestoßen werden? Ja, aber bitte nur konstruktive, die ein Bewusstsein dafür schaffen, mit welchen Problemen das andere Geschlecht im Alltag zu kämpfen hat. Das heißt auch, dass wir Frauen mal den Männern zuhören müssen, was sie bedrückt. Es geht schließlich um Gleichberechtigung von beiden Geschlechtern.

Wirklich auf die Nerven geht mir das ständige angekeife und runtergemacht, das es momentan aber auch bei anderen Debatte viel zu häufig gibt. Man könnte sich auch einfach nur mal zuhören und anerkennen: Ja, diese Person hat solche Probleme. Und das ist kein persönlicher Angriff auf mich.

Jedes Mal wenn eine Frau den Mund auf macht und sagt, dass sie schon oft angegrabscht wurde, dumme Bemerkungen gehört hat oder ständig auf der Straße belästigt wird, springen aus irgendeiner Ecke Männer, die sich entrüsten, dass das doch entweder gar nicht der Fall sei, oder man sich nicht so anstellen solle. Jetzt mal ehrlich: Was kannst du als Mann schon darüber wissen wie es ist als Frau durch den Alltag zu gehen? Nichts!

Genauso ist es aber auch umgekehrt. Wenn ein Mann den Mund aufmacht und äußert, dass er viel Druck ausgesetzt ist, weil er eben erfolgreich und gutaussehend sein muss oder dass er von Kolleginnen bei den kleinsten Bemerkungen angegriffen wird, springen ebenso aus irgendeiner Ecke Frauen, die Sachen sagen wie dass Männer sich nicht beklagen sollen und sie es doch bei weitem nicht so schwer hätten und ja sowieso total privilegiert sind.

Es wäre besser, wenn wir uns einfach mal zuhören und versuchen die Probleme des anderen zu verstehen.

Wie ich mit dem Thema in Berührung gekommen bin

Ich bin vielleicht nicht die beste Person, um über solch ein Thema zu sprechen, denn in meinem Leben hatte ich bis jetzt nur selten mit Menschen zu tun, die mich offensichtlich nach meinem Geschlecht beurteilt haben. Ich möchte trotzdem darüber schreiben und zwar so, dass sich hoffentlich niemand angegriffen fühlt, sondern einfach mal meinen Eindruck kund tun.

Beruflich bin ich in einer reinen Männerdomäne unterwegs. Ich habe mein Abitur auf einem Beruflichen Gymnasium im Fachbereich Datenverarbeitungstechnik gemacht – sprich Informatik. Das gleiche habe ich später dann studiert und studiere es immer noch. Sowohl in der Schule, als auch im Studium bin ich nie auf jemanden gestoßen, der meinte, ich wäre nicht so schlau wie meine männlichen Kommilitonen. Vielleicht liegt das an der Branche, vielleicht liegt es an mir – ich weiß es nicht. Vielleicht hatte ich auch einfach nur Glück.

Bei meinem ersten Job ging es so weiter. Alle freuten sich, dass es mal weibliche Verstärkung gibt und ein Mädchen sich diesen Berufszweig ausgesucht hat. Ich war ein gleichwertiger Teil des Teams und hatte weder den Eindruck, dass ich besonders bevorzugt noch benachteiligt würde. Als ich dann aber meinen zweiten Job in der gleichen Firma antrat, der nicht direkt der Informatik zuzuordnen ist, ging es los.

Von meinem damaligen Chef, durfte ich mir zum ersten Mal “Kleine” und “Schätzchen” anhören, was ich aber sofort unterband, weil ich eben gemerkt habe, dass ich das nicht gut finde. Auch wenn es nicht böse gemeint war, zu anderen männlichen Mitarbeitern hat er nicht “Kleiner” gesagt. Wäre ja auch albern, nicht wahr? …

Ich durfte während dieser Zeit auch seinen Umgang mit anderen weiblichen Kolleginnen beobachten und bin nach einer Weile zu dem Schluss gekommen, dass es sich bei diesem Kerl (in meinen Augen) um einen Ausnahmefall der schlechten Art handelt. Denn ich hatte in meinem ganzen Leben vorher noch nie jemanden getroffen, der Frauen so von oben herab behandelt hat. Und dabei hat sich das nur verbal geäußert nicht durch körperliche Belästigung.

Dieser Chef hat in der Zeit, die ich dort angestellt war, auch noch ein paar andere Sprüche losgelassen. Z.B. dass wir Frauen ja an den Herd gehörten und besonders gut im Kochen und Bügeln sind. Darauf hin habe ich ihn mal wissen lassen, dass ich besser programmieren als bügeln kann. Er wusste nicht, wie er darauf antworten soll.

Was ich daraus gelernt habe

Bevor mir das passiert ist, hatte ich kein Gefühl für das Thema. Ich konnte mir es schlicht nicht vorstellen, das sowas vorkommt. Obwohl ich auch schon von Freundinnen gehört hatte, die dumm angemacht wurden oder sich Sprüche anhören mussten oder sogar angegrabscht wurden, dachte ich immer, dass sie eben Pech mit den Arbeitgebern gehabt hätten.

Was lernen wir daraus? Man kann nicht von sich selbst auf andere schließen. Und man sollte zuhören. Liebe Männer hört also zu, wenn eure Partnerin oder eine Freundin über sowas erzählt und tut es nicht einfach so ab.

Was leider auch eine Tatsache ist – zumindest meiner Erfahrung nach – ist, dass man von anderen Männern selten unterstützt wird, wenn Belästigung oder Sexismus direkt vor ihren Augen stattfindet.

Und deswegen wird der Feminismus heutzutage immer noch gebraucht, um ein Bewusstsein zu schaffen, gerade bei den Männern. Deswegen finde ich es auch immer so schade, wenn unter jedem Beitrag zu dem Thema und jedem Video immer nur männliche Kommentare zu lesen sind, die sich über Feminismus aufregen. Selbst wenn es ein sehr sachlicher Beitrag ist (als Beispiel: Feminismus – Kann das weg?).

Was soll denn das? Findet ihr es lustig zwischen die Beine gepackt zu bekommen oder statt ein sachliches Bewerbungsgespräch zu führen, gesagt zu bekommen, ihr müsstet jeden Tag in besonder kurzen Shorts erscheinen, weil das ja so sexy sei?

Ich weiß, dass das Problem für viele Männer sehr abstrakt ist, da sie eben selbst nicht damit zu tun haben. Aber es ist kein Spaß und für Frauen einfach nur nervig, ermüdend und demütigend. Also, bitte, bitte, seid so nett und hört zu.

Ebenso ist mir persönlich aufgefallen: Sexismus kommt in meiner Generation seltener vor. Und hierbei lassen wir dummes gequatsche von halbstarken mal außen vor, das verbuchen wir unter Jugendsünden. Sexismus geht (so habe ich es zumindest erlebt) oft von Männern mittleren oder gehobenen Alters aus, die momentan eben in den Chefetagen sitzen.

Wenn meine Generation in den Chefetagen angekommen ist, wird sich am Arbeitsklima einiges ändern, denke ich. Aber das ist nur mein persönlicher Eindruck.

Ich erlebe es zudem viel zu häufig, dass Männer prinzipiell in eine trotzige Abwehrhaltung gehen, wenn es Berichte über Belästigungen und Übergriffe gibt. “Sind also alle Männer schlecht, oder was?” heißt es dann oft. Und das ist auch so ein Punkt, der mich aufregt.

Liebe Männer, ihr müsst euch nicht gleich angegriffen fühlen, wenn ihr nichts gemacht habt. Erkennt einfach an, dass wir Frauen mit solchen Dingen zu kämpfen haben. Den manche von euch sind Teil des Problems, aber ein Großteil von euch ist eben auch Teil der Lösung. Also fangt an uns zu helfen und nicht ständig gegen uns zu arbeiten.

Was ist denn nun mit den Männern?

Ich möchte auch noch das Thema von Sexismus gegenüber Männern ansprechen. Ich finde zwar, dass Männer ihre eigene Debatte führen sollten, aber die Thematik schwappt andauernd in die Feminismus-Debatte rüber.

Über Sexismus gegenüber Männern wird selten geredet und er wird ebenso selten wahrgenommen. Ich persönlich finde, dass er oft weitaus subtiler als Seximus gegenüber Frauen ist.

Männer haben beispielsweise oft mit Stigmatisierung zu kämpfen: Sie müssen beim ersten Date zahlen, sind der Heimwerker zu Hause, dürfen keine Schwäche zeigen oder gar weinen, müssen erfolgreich sein wollen, wenn es um einen Sorgerechtsstreit geht, habe sie meist schlechte Karten und auch sie haben mit klassischen Frauenberufen zu kämpfen wie Erzieher, Lehrer und vielen andere soziale Berufe. Auch das sind Dinge, die man anerkennen muss.

Liebe Männer: Vielleicht nerven euch die ganzen Debatten wie #Metoo usw. inzwischen. Aber: Für uns Frauen ist das unglaublich wichtig. Eben den Mund aufzumachen, nicht diese ganzen Vorfälle immer nur wegzulächeln und versuchen gelassen damit umzugehen. Es ist  wichtig für uns Frauen, nicht weil wir zeigen wollen wie schlecht es uns geht, sondern weil wir unsere Stimme finden müssen. Dieser Prozess ist nämlich immer noch im Gange. Wir müssen lernen Männern, die ihre Grenzen überschreiten und uns abfällig behandeln, die Meinung zu geigen und zu zeigen wie stark wir sind.

Und für alle Männer, die sich gerne beschweren würden, dass sie auch mit vielen Dingen zu kämpfen haben. Ja, ihr habt auch Probleme, aber zieht dadurch die Debatte um Feminismus nicht in den Dreck, sondern macht eure eigene Debatte. Macht den Mund auf und äußert euch!

Fazit

Wir sind alle aufeinander angewiesen. Und jeder Mensch ist anders, egal ob Mann oder Frau. Wir sollten uns nicht so sehr darauf konzentrieren, dass wir alle über einen Kamm scheren, sondern vielmehr lernen sinnvoll mit den Unterschieden klar zu kommen.

Ja, Frauen gehen tendenziell länger aus dem Beruf, wenn ein Kind geboren wird. Das ist allein schon so, weil die Frau das Kind zur Welt bringt und nicht der Mann. Und ja, es ist auch oft so, dass die Frau sich um das Kind kümmern will und deshalb vielleicht nur Teilzeit arbeiten will.

Aber hier geht es eben darum sich nicht darüber zu beklagen, dass es so ist, sondern Frauen zu ermöglichen Führungspositionen wahrzunehmen, selbst wenn sie nur Teilzeit arbeiten. Denn mehr Vielfalt in den Führungsetagen hat Vorteile.

Wenn ich aber Hausfrau sein will, dann ist das doch meine eigene Entscheidung und ich will nicht dafür verurteilt werden. Oft habe ich das Gefühl, dass gerade sowas vom Feminismus suggeriert wird. Es muss ebenso in Ordnung sein, wenn ein Mann seine Entscheidung trifft, egal ob er Karriereleiter oder Haushalt wählt.

Wenn sowas passiert und Menschen sich vorverurteilt fühlen, dann hat Feminismus versagt. Es sollte eigentlich um Gleichberechtigung gehen und darum, dass jeder so leben kann, wie er das möchte ohne durch irgendwelchen Gesetze oder auch nur gesellschaftlichen Ansichten eingeschränkt zu werden.

 

Zum Schluss noch: Ich bin eigentlich kein großer Fan des Feminismus. Zum einen habe ich immer wieder den Eindruck, dass er sowohl von Frauen als auch von Männern in den Dreck gezogen wird. Zum anderen finde ich, dass wir in einer Gesellschaft mit so vielen Debatte und sozialen Probleme nicht nur über die Gleichstellung der Frau reden sollten, sondern viel mehr über die Gleichstellung von allen Menschen, ungeachtet des Geschlechts.

Ja, Feminismus ist in seinem Kern für die Gleichstellung von allen Menschen, suggeriert durch den Namen aber eine starke Verbundenheit mit den Frauen. Und am Ende sind wir ja alle Menschen, die respektiert werden wollen.

In diesem Sinne, wünsche ich mir eine konstruktive Debatte, mitfühlendes zuhören und Verständnis füreinander – egal ob Mann oder Frau. Bis nächste Woche.

– Sarah

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Hi, ich bin Sarah. Ich mag gutes Essen, meinen kleinen Kräutergarten, Eulen und minimalistisches Design. Auf meinem Blog schreibe ich über Minimalismus und Zero Waste und gebe Tipps wie man Müll vermeiden und seinen Konsum nachhaltiger gestalten kann.

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